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Meerschweinchen

Meerschweinchen gehören zur Ordnung der Nagetiere (Rodentia), die mit ihren annähernd 3000 Arten fast die Hälfte aller heute auf der Erde lebenden Säugetierarten ausmacht. Die Unterordnungen der Nagetiere - der Simplicidentata - sind

• Sciuromorpha (Hörnchenverwandte), zu denen Hörnchen, Biber u.a. zählen

• Myomorpha (Mäuseverwandte), zu denen Mäuse, Wühler und Ratten gehören

• Hystricomorpha (Stachelschweinverwandte) wie Stachelschweine, Grasnager,
Agutis

• Caviomorpha (Meerschweinchenverwandte) wie Meerschweinchenartige,
Wasserschweine, Pakarana.
Die Familie der Meerschweinchen (Caviidae) weist zwei Unterfamilien auf,
und zwar

• Dolichotinae: Maras oder Pampahasen mit 2 Arten sowie

• Caviidae: eigentliche Meerschweinchen mit 4 Gattungen:

- Cavia aperea (Wildmeerschweinchen) als Stammform von Cavia porcellus
(Hausmeerschweinchen)

- Galea (Wieselmeerschweinchen)

- Microcavia (Zwergmeerschweinchen)

- Kerodon rupestris (Bergmeerschweinchen)

Die Stammform unseres Hausmeerschweinchens ist das Gebirgsmeerschweinchen - Cavia aperea cutleri. Sie besiedeln grasreiche Hochebenen und Buschsteppen der Anden bis zu Höhenlagen von 4200 m. Schlupfwinkel und selbst gegrabene Höhlen bieten ihnen sowohl in dichtem Gestrüpp als auch in offenem Gelände Schutz vor Feinden. Sie leben im Familienverband von 4 bis 10 (20) Tieren in Erdbauten. Die Familiengruppen mit einem Männchen, mehreren Weibchen und Jungtieren bleiben durch ständige Stimmfühlungslaute untereinander in Verbindung. Bei Gefahr werden Warnlaute ausgestoßen. Durch Flucht in Höhlen oder anliegendes Gestrüpp versuchen sie, sich in Sicherheit zu bringen oder verfallen in eine Schreckstarre.
Meerschweinchen gehören zu den ältesten Haustieren der Neuen Welt: Von den Inkas wurden sie bereits als Speise- und Opfertiere gehalten. Bald nach der Entdeckung Amerikas wurden die ersten Meerschweinchen von spanischen Seefahrern und holländischen Kaufleuten mit nach Europa gebracht und dort weiter gezüchtet. Der Name "Meerschweinchen" kommt wohl von der gedrungenen Körperform und den quiekenden Lauten dieses Tieres, das seine Heimat jenseits des Meeres hat. Im amerikanischen Sprachgebrauch hat es einen noch verwirrenderen Namen, nämlich "Guinea Pig", wobei es weder von der Insel Guinea kommt, noch zoologisch den Schweinen nahe steht. Vielmehr wird vermutet, dass der heute unübliche Begriff "guinea" im Sinne von "fremd" diesem Tier zugedacht war oder auch die Tatsache, dass diese Tiere in England für 1 Guinea (engl. Währung) verkauft wurden. Heute ist das Meerschweinchen in Südamerika Heimtier und Fleischproduzent zugleich, in Europa wird es als Versuchstier und Heimtier genutzt. In der Rassezucht werden viele Rassen gezüchtet.

1. Anatomische und physiologische Besonderheiten


• Mundhöhle

Zahnformel: 1I 0C 1P 3M pro Kieferquadrant

Alle Zähne des Meerschweinchens haben offene Wurzeln, d.h. sie wachsen zeitlebens und sind deshalb auf einen ständigen Abrieb angewiesen. Die Zähne wachsen 1,2 bis 1,5 mm pro Woche, d.h. 5 bis 6 mm pro Monat. Die Schneidezähne weisen nur auf der Vorderseite einen Schmelzüberzug auf. Dadurch werden die schmelzunbeschichteten, palatinalen Zahnflächen mehr abgenutzt und es entsteht die physiologische meißelartige Form der Inzisivi, die damit Schärfe zum Abbiss gewinnen. Die Molaren sind von Schmelzfalten durchzogen und weisen buccal und lingual tiefe Furchen auf. Die Kauflächen der Oberkieferbackenzähne sind stark backenwärts geneigt, die des Unterkiefers stark nach lingual. Gleichzeitig weisen die Backenzahnreihen pro Kiefer von oral nach aboral divergierende Zahnreihen auf. Das Abbeißen oder Abnagen erfolgt durch seitliche Unterkieferverschiebungen. Für den eigentlichen Kauvorgang wird die Nahrung durch vor- und rückwärtige Unterkieferverschiebungen sehr fein zwischen den Backenzähnen zerrieben. Dieser Kauvorgang ist für Nagetiere und Kaninchen typisch, da sie als Kiefergelenk ein Schlittengelenk mit rinnenartiger Gelenkgrube besitzen.
Der Zahnwechsel vom Milch- zum permanenten Gebiss soll zwischen dem 43. und 49. Trächtigkeitstag intrauterin stattfinden, die Milchzähne bis zum 55. Tag wieder resorbiert sein, so dass Meerschweinchen mit einem permanenten Gebiss geboren werden, bei dem nur der M3 das Zahnfleisch noch nicht durchbrochen hat.

Die Mundhöhle des Meerschweinchens ist gekennzeichnet durch wulstige Lippen, wovon die obere die für alle Nager und Kaninchen charakteristische mediane Spalte (Raphe) aufweist, die jedoch nicht besonders ausgeprägt ist. An den Übergängen von der Unter- zur Oberlippe zieht die behaarte Lippenhaut weit ins innere des Mundraumes als Inflexum pellitum. Sie bildet oberhalb der Mundwinkel jederseits zwei große vordere Backenwülste, deren Innenränder sich bei geschlossenen Kiefern hinter den Inzisivi oberhalb der Zungenspitze berühren, so dass die Mundhöhle in einen vorderen "Nageraum" und einen hinteren "Kauraum" unterteilt wird, sowie zwei kleinere hintere Backenwülste, die bei geschlossenem Kiefer hinter den Inzisivi und bis unmittelbar vor den OK-Praemolaren liegen. Hinter den OK-Schneidezähnen liegt medial ein langgestreckter Knorpelhöcker, die Papilla incisivi, an deren aboralem Ende die paarigen dünnen Nasengaumengänge münden. Diese Ductus nasopalatini verlaufen von der Nasenscheidewand aus schräg ventral zum Gaumen und verbinden so Mund- und Nasenhöhle. In die Ductus mündet das Jacobson'sche Organ, ein akzessorisches Geruchsorgan, das aus zwei mit Riechepithel ausgekleideten Blindschläuchen besteht und in einer Knorpelscheide des Vomer liegt. Die Mundhöhle wird rachenwärts mit dem Gaumensegel abgeschlossen, wobei dieses ventral von einem konkaven Rand gebildet wird, der nicht im engeren Sinne ein Zäpfchen trägt. Tonsillen besitzt das Meerschweinchen nicht!

Praxisrelevante Aspekte:

Eine regelmäßige, gleichmäßige Abnutzung der Zähne steht physiologischerweise im Gleichgewicht mit einem dauerhaften Zahnwachstum. Wenn dieses Gleichgewicht gestört ist, kommt es zu unzureichender Zahnabnutzung und infolgedessen zu Zahnüberlängen. Eine ausreichende Zahnabnutzung ist nur gewährleistet, wenn den Meerschweinchen eine grobstrukturierte rohfaserreiche Fütterung gewährleistet wird, die ein intensives Mahlen der Backenzähne notwendig macht, d.h. Heu oder Gras - wie bei den Wildformen der Meerschweinchen in den Anden! - ist das Grundfutter für diese Tierart, das zusätzlich durch Frischfutter (Blätter, Kräuter, Leguminosen, Obst, trockenes Brot) zum Zwecke der Abwechslung und Beschäftigung ergänzt werden kann.

Im Gegensatz zum Kaninchen sind Zahnfehlstellungen beim Meerschweinchen weitaus weniger häufig anzutreffen, da im Gegensatz zum Kaninchen nicht so extrem auf Kurzköpfigkeit und Zwergwuchs gezüchtet wurde, aber in seltenen Fällen sind auch Fehlstellungen und eine erbliche Unterkieferprognathie (Zuchtausschluß!) zu beobachten. Weitaus häufiger werden beim Meerschweinchen Zahnspitzen der Backenzähne und sogar Brückenbildungen der UK-Backenzähne mit Einwachsen in die Zunge oder die Backenschleimhaut beobachtet.

• Verdauungskanal


Der Magen ist einhöhlig und bis auf die Pylorusregion sehr dünnwandig aufgrund einer nur geringgradig ausgebildeten Tunica muscularis. Das Meerschweinchen kann aufgrund dessen nicht erbrechen und nimmt über den Tag verteilt mit einem zirkadianen Bigeminus in den Dämmerungszeiten wie das Kaninchen 60 - 80 kleine Mahlzeiten auf, die gleichzeitig für den Weitertransport des Mageninhaltes wichtig sind. Das Fassungsvermögen des Magens beträgt bei einem adulten Tier ca. 20 bis 30 ml.

Praxisrelevante Aspekte:

Ein Ausnüchtern des Meerschweinchens praeoperativ ist nicht sinnvoll, da mangels erneuter Futteraufnahme auch die Magenentleerung sistiert. Das Meerschweinchen kann nicht erbrechen und somit ist auch kein Futteraspirationsrisiko in der Narkose zu fürchten. Eine Ausnüchterung könnte stattdessen eine Ketose initiieren, wodurch eine zusätzliche Narkosebelastung erst zu einem echten Risiko wird.
Eine artgerechte Fütterung sieht eine ständige Verfügbarkeit von Grundfutter vor. Portionierte Fütterungen entsprechen nicht der Verdauungsphysiologie des Meerschweinchens.


Der Dünndarm des Meerschweinchens ist durch einen ampullenförmigen Anfangsteil des Duodenums (Ampulla duodeni) gekennzeichnet. Ansonsten weist er keine nennenswerten anatomischen oder physiologischen Besonderheiten auf. Das Dünndarmkonvolut liegt im ventralen Teil der rechten Bauchhöhlenseite.

Der Dickdarm des Meerschweinchens hingegen ist analog zum Kaninchen auf eine Zelluloseverdauung spezialisiert:

Das Caecum beinhaltet ca. zwei Drittel des Gastrointestinalinhaltes und füllt ein Drittel der Bauchhöhle aus. Es liegt hufeisenförmig der ventralen Bauchwand an und wird in Kopf, Körper und Schwanz unterteilt. Es gibt keinen Appendix vermiformis. Das Caecum wird in Längsrichtung durch drei Bandstreifen - zwei lange und ein kurzer - gerafft. Das Caecum ist der Ort der bakteriellen Zelluloseverdauung. Die Darmflora besteht überwiegend aus Anaerobiern und grampositiven Bakterien (Kokken, Laktobazillen), wohingegen E. coli und Cl. perfringens nur passager vorkommen. Eine hohe Keimzahl der zuletzt genannten Keime ist immer als Dysbakteriose zu werten und meist durch Fütterungsfehler bedingt.
Im Caecum wird die Caecotrophe gebildet, die unmittelbar vom Anus weg wieder oral aufgenommen wird. Sie enthält bakteriell synthetisierte Vitamine, wobei den Meerschweinchen im Laufe der Evolution der intermediäre Synthesemechanismus für Vitamin C verloren gegangen ist. Folglich sind sie auf die exogene Zufuhr von Vitamin C angewiesen, was bei der Wildform über das hochgradig Vitamin C-haltige Gras der Andensteppen gewährleistet ist, im Falle reiner Heugabe beim Heimtier jedoch nicht. Der Bedarf liegt bei 10 mg/kg KM und Tag.

Das Colon kann in insgesamt 5 Abschnitte eingeteilt werden, wobei die ersten drei Abschnitte dem Colon ascendens entsprechen. Es folgen Colon transversum und descendens. Das C. ascendens verfügt über einen Separationsmechanismus, der durch eine an der dem Mesenterium zugewandten Darmwand gelegene Rinne für den retrograden Transport von Zellulosepartikeln zurück ins Caecum befähigt ist, womit erklärt werden kann, warum Meerschweinchen bei rohfaserarmer Fütterung dennoch lange Zeit einen Zellulosemangel kompensieren können.
Weitaus empfindlicher reagieren sie auf systemische Antibiotikagaben, da jede Störung der physiologischen Mikroflora zur Vermehrung koliformer Mikroorganismen führen kann, die die zelluloseverdauenden Bakterien überwuchern und nicht zur Synthese essentieller Metaboliten fähig sind.

Praxisrelevante Aspekte:

Die Magen-Darmtrakt-Gesamtlänge des Meerschweinchens ist mit der 10fachen Körperlänge der des Kaninchens analog. Aufgrund der langen Verweildauer des Darminhaltes im Caecum ist durchschnittlich mit einer Passagezeit von 5 Tagen zu rechnen, was im Falle einer Röntgenkontrastuntersuchung mit Bariumsulfat zu berücksichtigen ist.
Eine systemische Antibiose ist nach gründlicher Abwägung nur dann indiziert, wenn eine lebensbedrohliche bakterielle Erkrankung (Lungenentzündung, Nierenentzündung, etc.) nicht anders behandelt werden kann.


• Harnapparat

Die Nieren des Meerschweinchens sind glatt und einwarzig. Der Harntrakt weist ansonsten keine nennenswerten Besonderheiten auf.

Praxisrelevante Aspekte:

Insgesamt selten, jedoch häufiger bei weiblichen als bei männlichen Tieren werden Harnsteine beschrieben, die häufiger in der Urethra als in der Harnblase vorliegen können. Am meisten treten Kalziumkarbonatsteine auf, beschrieben wurden auch Struvitsteine. Da die Tiere sehr unspezifische Symptome aufweisen können, sollte im Falle von Inappetenz, Abmagerung, Zähneknirschen als Schmerzausdruck sowie bei Hämaturie an die Möglichkeit von Urolithen gedacht werden.

• Geschlechtsorgane

Die Geschlechtsbestimmung ist auch beim neugeborenen Meerschweinchen leicht durchführbar: Während beim Männchen durch einen leichten Daumendruck auf den Bauch unmittelbar vor der Genitalöffnung der Penis hervorgelagert werden kann, erkennt man das weibliche Tier im Anogenitalbereich ohne manuelle Manipulation aufgrund der für das weibliche Geschlecht typischen y-förmig angeordneten Hautwülste, welche Perinealtasche, Anus und Vagina verdecken.
Jungtiere kommen als Nestflüchter zur Welt. Sie können bereits nach 14 Tagen vom Muttertier abgesetzt werden.

Praxisrelevante Aspekte:

Die weiblichen Meerschweinchen kommen in der Regel im 2. Lebensmonat in die Geschlechtsreife, frühreife Tiere auch schon im Alter von 3 bis 4 Wochen. Dies hat insofern Konsequenzen, als in Zoohandlungen häufig Meerschweinchenfamilien zusammen gehalten werden, so dass bei frühreifen weiblichen Jungtieren das Vatertier diese bereits gedeckt hat, wenn die Tiere als Jungtiere verkauft werden. Tragik für das Tier: In der Regel ist das trächtige Jungtier noch nicht zuchtreif und somit mit den Nachkommen überfordert. Tragik für den Tierkäufer - meistens Kinder - das Meerschweinchen bekommt unerwünschten Nachwuchs, der Nachwuchs ist ingezüchtet und hat häufig mit Inzucht einhergehende Veränderungen aufzuweisen oder die Jungtiere gehen aufgrund inzuchtbedingter Letalfaktoren plötzlich zugrunde.
Hier fehlt vor allem Aufklärung beim Zoofachpersonal!


Männliche Geschlechtsorgane:

Die Hoden des männlichen Meerschweinchens liegen bei der Geburt noch abdominal und treten in der 6. Lebenswoche durch den Leistenkanal bis in eine nur schwach vorgewölbte Skrotaltasche. Die Männchen sind in der Lage, ihre Hoden mithilfe des M. cremaster durch den geöffneten Inguinalkanal jederzeit in die Bauchhöhle einzuziehen. Hoden und Nebenhoden werden beim adulten Tier von einem mächtig ausgebildeten Fettkörper kappenartig umhüllt. Meerschweinchen haben deutlich ausgebildete akzessorische Geschlechtsdrüsen: Die zweigeteilte, bis 10 cm lange, stark geschlängelte, in die Beckenhöhle hineinragende Samenblasendrüse (Gl. vesicularis), die paarig angelegte Prostata sowie die Cowperschen Drüsen. Männliche Meerschweinchen werden im dritten Monat geschlechtsreif. Sie besitzen einen dünnen langen Penisknochen.

Praxisrelevante Aspekte:

Die Kastration männlicher Meerschweinchen wird in der Regel ausschließlich zur Vermeidung von Nachwuchs verlangt. Da männliche Meerschweinchen auch mit gleichgeschlechtlichen Vertretern ihrer Art auskommen können, ist aus Tierschutzgründen nicht in jedem Falle eine Kastration von gemeinsam gehaltenen Böcken notwendig.
Wie bei jeder anderen Tierart auch, sollte dem Besitzer frisch kastrierter Böcke immer mitgeteilt werden, dass das Meerschweinchen günstigstenfalls noch 6 Wochen post castrationem zeugungsfähig ist!


Weibliche Geschlechtsorgane:

Die Ovarien des Meerschweinchens liegen beiderseits kaudal der Nieren und sind längsovale Gebilde von 3 bis 5 mm Länge. Das Meerschweinchen weist analog zum Kaninchen einen Uterus duplex auf. Die Vagina ist ca. 3 bis 4 cm lang und endet in einem nur kurzen Vorhof. Das Endstück ist meist epithelial verklebt und nur zur Brunstzeit geöffnet.
Meerschweinchen sind mit 4 bis 5 Monaten zuchtreif. Sie sind polyöstrisch, d.h. sie weisen einen Zyklus auf mit folgenden Zyklusabschnitten: Proöstrus 1,5 Tage, Östrus 8 - 11 Stunden, Metöstrus 2,5 - 3 Tage und Diöstrus 15 - 17 Tage, so dass sich eine Gesamtzykluslänge von 16 bis 19 Tagen ergibt. Die Brunst beginnt mit der Auflösung der Vaginalmembran. Dabei handelt es sich um einen echten epithelialen Verschluß, der durch Wachsen und Verkleben zweier Schleimhautleisten im Scheideneingang zustande kommt. Am Ende des Proöstrus wölbt das Scheidensekret diese Membran vor, die dann für die kurze Brunstperiode einreißt und den Eingang der Scheide freigibt.
Der Östrus dauert nahezu 24 Stunden mit einer Hauptbrunst von ca. 10 Stunden. Danach ist die Vagina während des ganzen Metöstrus, des Diöstrus und eines Teiles des Proöstrus durch eine jeweils neu gebildete Vaginalmembran wieder fest verschlossen. Eine Begattung außerhalb der eigentlichen Brunst ist deshalb nicht möglich.

Brunstsymptome:

- offene Vagina durch Einreißen der Membran

- leichte Anschwellung der äußeren Geschlechtsteile

- seröse Flüssigkeit am Scheidenausgang

- Unruhe, Nervosität und Wühlen in der Einstreu

Der bei erfolgreicher Paarung gebildete Scheidenschleimpfropf aus dem Sekret der Samenblase des Bockes fällt nach wenigen Stunden ab und wird in der Zucht als Zeichen für die stattgefundene Begattung gewertet.
Die Trächtigkeit dauert durchschnittlich 68 (64 - 71) Tage. Vier Wochen p.i. lässt sich palpatorisch eine Trächtigkeit ermitteln.
Das Meerschweinchen baut kein Nest und zeigt keine Unruhe vor der Geburt. Das weibliche Meerschweinchen entwickelt sehr große Früchte, die nur durch den Prozess der Erweiterung des Beckenringes in der Vorbereitungsphase der Geburt den Geburtskanal passieren können.
Während man bei nicht trächtigen Meerschweinchen den Symphysenrand als schmale, etwas gerundete Leiste fühlt, verbreitert und lockert sich bereits im letzten Drittel der Trächtigkeit der Symphysenspalt und in der entstehenden Lücke ist eine sehr elastische, breite Bandmasse fühlbar. Kurz vor der Geburt ist der Spalt 1,5 bis 2 cm breit (Daumenprobe!). Gleichzeitig werden die beiden Hüftbeine in den Gelenken zum Kreuzbein immer lockerer und ermöglichen eine passive Beweglichkeit. Sobald dieser Zustand eingetreten ist, steht die Geburt unmittelbar bevor. Nach der Geburt bildet sich das Becken mit Schluss der Schambeinfuge innerhalb von 10 bis 12 Tagen wieder zurück. 2 bis 13 Stunden nach der Geburt wird das Weibchen erneut brünstig.
In der Regel werden 1 bis 4 nestflüchtige Jungtiere geboren, die bei der Geburt 60 bis 80 g wiegen. Innerhalb der ersten beiden Lebenswochen verdoppeln sie ihr Gewicht. Das Muttertier hat nur 2 kaudal gelegene Zitzen. Sie säugt ihre Jungtiere längstens 4 Wochen, meist nur 2 Wochen, weshalb Jungtiere auch problemlos mit 14 Tagen abgesetzt werden können.

• Haut und Hautanhangsorgane

Die Haut des Meerschweinchens ist sehr derb, straff und faltenlos, was die subkutane Injektion schwierig macht. Spärlich behaart sind die Ohren, die Oberschenkelinnenseiten, der Hodensack beim männlichen und die Vulva beim weiblichen Tier. Haarlos ist die Region hinter den Ohren, im Bereich der Fußsohlen, Ballen und Zehen sowie im Bereich des Zitzenvorhofes der beiden kaudal gelegenen Zitzen.
Die Haare des Meerschweinchens zeigen in Bezug auf die Wachstumsregulation eine Besonderheit: Jeder Haarfollikel hat seinen eigenen Zyklus, der periodisch verläuft. Man unterscheidet eine Wachstums- oder Anagenphase, eine Übergangs- oder Katagenphase, die durch das Sistieren des Haarwachstums charakterisiert ist, sowie eine Ruhe- oder Telogenphase, die für jedes Haar eine bestimmte Zeit dauert und mit Lockerung und Ausfall des Haares endet. Das Fell des Meerschweinchens insgesamt setzt sich zusammen aus Haaren aller drei Phasen, wobei die Anagenphase 16 bis 40 % betragen soll. Einen großen Einfluss auf das Wachstum der Haare hat die Trächtigkeit: 4 bis 5 Wochen vor der Geburt nimmt das Wachstum der Haare ab, erreicht zum Zeitpunkt der Geburt östrogenbedingt ein Minimum und setzt 1 bis 4 Wochen nach der Geburt wieder verstärkt ein. Dabei werden die in der Telogenphase befindlichen Haare aus Ihren Follikeln durch nachwachsende Haare der Anagenphase verdrängt, so dass es gleichzeitig zu Haarausfall und intensivem Nachwachsen von Haaren kommt (Effluvium capillorum post partum). Auch nach Östrogengaben oder durch östrogenproduzierende Ovarialzysten werden die Haarfollikel in die Telogenphase versetzt, so dass das Haarkleid allmählich immer dünner wird bis hin zum völligen Haarverlust. Die Haut des Meerschweinchens weist im allgemeinen nur wenige rudimentäre Schweiß- und Talgdrüsen auf mit Ausnahme einer für sie typischen Häufung in Form des Kaudalorgans und der Perinealdrüsen.
Das Kaudalorgan (Gl. caudalis) ist ein im Bereich des Kreuzbeins ausgebildetes ovales Drüsenfeld mit einer Anhäufung von Talgdrüsen. Die Haut wird durch das fetthaltige Drüsensekret und abgestoßene Hornmassen schmutzig-gelb oder schwärzlich gefärbt. Es handelt sich um eine akzessorische Geschlechtsdrüse, die beim geschlechtsreifen Männchen am stärksten entwickelt ist. Sie sezerniert vermutlich sexuelle Duftstoffe.
Perinealdrüsen kommen nur beim Meerschweinchen vor: Dies ist ein zwischen Anal- und Geschlechtsöffnung gelegenes Hautdrüsenorgan, dessen Ausführungsgänge in eine im Perineum gelegene, unpaare Hauttasche münden. Perinealsack und -drüsen sind bei beiden Geschlechtern ausgebildet, beim männlichen Tier jedoch intensiver, da sie durch Androgene stimuliert werden. In der von zwei Längswülsten verdeckten Hauttasche wird das fetthaltige Perinealdrüsensekret gesammelt.
Analdrüsen kommen bei Meerschweinchen nicht vor!

• Herz, Kreislauf und Atmungsapparat

Das Herz hat die Gestalt eines stumpfen Kegels. Die Lunge soll mit einem ausgeprägten
lymphatischen System versorgt sowie von einer ungewöhnlich starken Reaktionsfähigkeit gekennzeichnet sein. Diese Voraussetzungen dürften auch die Tendenz zum verstärkten Niesen bei Linksherzinsuffizienz begünstigen, die häufig bei Meerschweinchen zu sehen ist.

2. Artgerechte Haltung von Meerschweinchen

Meerschweinchen sind gesellige, hochkommunikative Tiere, die in Familienverbänden leben. Daraus ergibt sich, dass eine Einzeltierhaltung per se nicht artgerecht ist. Die Verhaltensweisen des Meerschweinchens sind auf das Zusammenleben in der Familie oder im Rudel ausgerichtet. Soziale Beziehungen zwischen den Gruppenmitgliedern ergeben sich teils aus angeborenen Verhaltensweisen, teils aus individuellen Erfahrungen und Lernprozessen, die erst allmählich zu Verhaltensnormen heranreifen. Bei der Gruppenhaltung gibt es bei Wildmeerschweinchen eine stärkere Unverträglichkeit einzelner Individuen als bei Hausmeerschweinchen. Während adulte Wildmeerschweinchenmännchen nicht zusammen gehalten werden können, ist dies bei Hausmeerschweinchen weitaus unproblematischer, so dass selbst unter Versuchstierhaltungsbedingungen Gruppenhaltungen mit mehreren Familien üblich ist.
Meerschweinchen weisen im Gegensatz zu Kaninchen ein großes Repertoire an Lautäußerungen auf. Tierartspezifisch ist das "Purren" und das "Chirpen". Das Purren ist ein tiefer, lang gezogener, stark vibrierender Laut, der besonders von männlichen Tieren und hier besonders von Adulten geäußert wird, und zwar im Zusammenhang mit Sexual- und Imponierverhalten im Kontext mit weiblichen Tieren. Das Chirpen gehört zu den lautesten Vokalisationen der Meerschweinchen: In rascher, rhythmischer Folge werden die Laute ausgestoßen, wobei sich das Meerschweinchen bedingt durch die bei der Lautgebung eingesetzte Kraft am ganzen Körper bewegt. Dabei zeigt das Verhalten des Tieres hohe Erregung, und leichte Unsicherheit weist auf eine Konfliktsituation hin. So erleben wir gerade das Chirpen sehr häufig unter Praxisbedingungen, wenn das Tier aus seinem sicheren Transportbehältnis frei auf den Behandlungstisch gesetzt wird, wo es keine Deckung findet und Angst hat.
Meerschweinchen haben sehr ausgeprägte Hör- (16 bis 33.000 Hz), Seh- (großer Gesichtssinn, Farbsehen) und Geruchssinne (Duftstoffe zur innerartlichen Verständigung), was bei der Auswahl des Standortes des Tierkäfigs Berücksichtigung finden sollte. Sie haben aus diesem Grunde in Räumen mit Radios und Fernsehern ebenso wenig gute Lebensbedingungen wie in schlecht gelüfteten und oftmals im Winter überheizten (Kinder-)Zimmern.
Bei der Auswahl der Einstreu sollte zwar als saugstarker Untergrund eine Einstreu aus Hobelspänen Verwendung finden, jedoch sollte darüber eine abdeckende Heuschicht aufgetragen werden, damit Frischfutter wie Apfelstücke etc. nicht von den Spänen "paniert" werden. Hobelspäne sind immer ein Abfallprodukt der Holzindustrie, deren Herkunft in der Regel unbekannt ist, die unter Verwendung von Imprägnierfarben und ähnlichem bearbeitet wurden, wobei u.U. für Meerschweinchen giftige Chemikalien haben angewendet werden können.

Meerschweinchen haben eine breite Thermoneutralzone, so dass sie auch in unseren Breiten ganzjährig draußen gehalten werden können. Wichtig ist dabei, dass ihnen sowohl in der warmen Jahreszeit ein Unterschlupf zur Verfügung steht als Schutz vor übermäßiger Sonne als auch ein zugfreier Unterschlupf im Winter, der zudem mit Stroh zur Wärmeisolierung versehen sein sollte. Tendenziell erleiden Kaninchen und Meerschweinchen unter entsprechend ungünstigen Haltungsbedingungen häufiger einen Hitzschlag bei sehr hohen Temperaturen im Sommer als dass sie unter Erfrierungen leiden müssten. Die gemeinsame Haltung mit Kaninchen geschieht meist zu Ungunsten der Meerschweinchen, da die Kaninchen häufig sehr dominant und aggressiv zu den Meerschweinchen sind. Allein aus dem innerartlich sehr unterschiedlichen Sozialverhalten von Meerschweinchen und Kaninchen wird deutlich, dass diese Tierarten im Prinzip wenig aufeinander abgestimmt sind und deshalb nicht zusammengehalten werden sollten.

Die Fütterung von Meerschweinchen sollte eine Grundfütterung mit Heu vorsehen, alternativ in der warmen Jahreszeit Haltung auf der Wiese und somit Grasaufnahme. Körnerfutter ist stärkereiches Futter und entspricht nicht dem ernährungsphysiologischen Bedarf dieser Tierart. Bei einseitiger Körnerfütterung und mangelnder Heufütterung von wachsenden Jungtieren kann es zu einer unzureichenden Dauer der Futteraufnahme kommen mit unzureichender Intensität des Kauvorganges. Dieser ist entscheidend für den physiologischen Zahnabrieb und nicht in erster Linie das Benagen "benagbarer Ersatzobjekte". Eine heulose Fütterung in der Wachstumsperiode kann zu Störungen des Kalzium-Phosphat-Verhältnisses und deshalb zu überlangen Zähnen führen.

3. Krankheiten der Meerschweinchen

• Hautkrankheiten

- Juckreiz:

am häufigsten bedingt durch Haarlinge (Th.: Ektoparasitenpuder mehrfach), Dermatophyten (Th.: Imaverol lokal alle 3 Tage 1 : 50 verdünnte Gebrauchslösung) oder Räude- bzw. Demodexmilben (Th.: Dectomectin) - in hartnäckigen Fällen u.U. Ivermectin (0,1 mg/kg KM s.c. in Abständen von 10 - 14 Tagen). Gelegentlich auch Allergie auf Einstreu (Th.: Einstreuwechsel).

- Endokrine Alopezie:

physiologisch als Alopecia post partum (keine Therapie)
pathologisch bei östrogenproduzierenden Eierstockszysten (Th: einmalige Gabe von 10 mg Chlormadinonacetat (Gestafortin), nach 5 - 6 Monaten wiederholen; Ovariohysterektomie)
iatrogen nach Östrogenapplikation (Th.: Östrogenmedikation absetzen)

- Lippengrind (Cheilitis):

Ursache kann ein fütterungsbedingter Mangel an essentiellen Aminosäuren, Fettsäuren, Vitaminen (bes. A, B, C) und Spurenelementen (bes. Magnesium, Mangan, Zink, Cobalt) sein, der eine Infektion mit Staphylokokken und/oder anderen Keimen begünstigt.
Therapie: Multivitaminpräparate und Vitamin C 50 - 100 mg/Tier und Tag; Sonnenblumen- oder Leinsamenkerne geschrotet 1 TL pro Tag; lokal auf die betroffenen Hautstellen Surolan auftragen.

- Pododermatitis:

Schwielen, Abszesse oder Granulome an den Ballen bedingt durch ungünstige Faktoren wie Mangel an Vitaminen, Fettsäuren, Aminosäuren etc., vor allem Adipositas, chronische Fehlfütterung mit Körnermischungen statt zellulosereicher Futtermittel, mangelnde Hygiene (Harnstoff hat keratinolytische Wirkung!), ungenügender Einstreuwechsel, ungeeignete raue oder Drahtböden, mangelnde Bewegung. Th.: Abstellen der Ursache(n), Haltung auf dicker Heumatte und ggf. lokale Antibiose, Granulome chirurgisch entfernen, Heilung unter Verband – cave: Heilung verzögert bis schlecht!

- Halsabszess:

Ursache ist meist eine primäre Infektion der Mund- oder Rachenschleimhaut mit Befall der submandibulären Halslymphknoten (Th.: Abszeßspaltung, Spülung mit Kochsalzlösung, lokal z.B. Supronal -Suspension, Drainage für 24 h).

- Talgdrüsenadenome bzw. Talgdrüsenfollikelzysten des Kaudalorgans:

bis zu golfballgroße, solitäre, haarlose Umfangsvermehrungen im kaudalen Lendenwir-belsäulenbereich sind mit schwarz-grauer, schmierig-breiiger Masse gefüllt (Th.: OP)

• Anorexie / Inappetenz

- Zahnanomalien:

Zu lange Zähne, Zahnspitzen der Backenzähne, Zahnbrücken, Verlust des Gegenzahnes, Gingivitis, Gaumengeschwür (Th.: Zahn- und Mundhöhlenkontrolle und entsprechende Behandlung ), sonstige Erkrankungen der Mundhöhle (Adspektion mittels Othoskop!)

- Hyalinschollige Degeneration der Kaumuskulatur

- Leberverfettung

- Nierenerkrankungen

- Verdauungsstörungen (s.u.)

- Vitamin-C-Mangel

Therapie: Behandlung der Grundkrankheit und symptomatische Behandlung: Infusion (50 ml/kg, die eine 20%ige Glucoselösung mit beinhalten sollte), um der Austrocknung sowie der Ketosegefahr zu begegnen, Vitamin-B-Komplex, Biodyl, Kortison, Anabolikum, ggf. Zwangsernährung (am besten mit Säuglingsfertignahrung, die Karotten, Äpfel oder Bananen enthalten sollte).
Prognose: Eine Aussicht auf eine Restitutio ad integrum ist nur gegeben, wenn Zahnanomalien frühzeitig erkannt und behoben werden können und die Tiere über eine noch gute Konstitution verfügen. Bei bereits bestehenden Stoffwechsel- und Verdauungs-störungen kann es schwierig sein, die Meerschweinchen wieder appetent zu bekommen.

• Verdauungsstörungen

- Tympanie:

Ursache: Fütterungsfehler wie zu viel frischer Klee im Frühling, erhitztes Grünfutter, erhitztes und zu junges Heu, stärkereiche Futtermittel in Kombination mit Kohl, überfrorene Rüben oder Kohlblätter im Herbst;

- Gastroenteritis:

Ursache: Aufnahme großer Mengen besonders schmackhaften Futters mit leicht gärenden Anteilen, verdorbenen, verschmutzten, erhitzten, gefrorenen oder schimmligen Futters, frisch geerntetem Hafer oder frisch getrockneten Heus sowie frisch gemähten und sehr kurz geschnittenen Rasenstückchen

- Obstipation:

Ursache: Verfütterung ballaststoffreichen, wasserarmen, verholzten Grünfutters und/oder unzureichendes Wasserangebot; Verstopfung der Perinealtaschen bei älteren Böcken

Therapie: Behebung der Verstopfung manuell, per Klistier, Einlauf, Gleitgel, OP, etc., dann Therapie wie unten beschrieben.

- Antibiotikaempfindlichkeit:
Eine systemische Antibiose sollte beim Meerschweinchen sehr genau abgewogen werden. Analog zum Kaninchen ist zu berücksichtigen, dass eine Antibiose immer die Darmflora (überwiegend Bazillen, Laktobazillen) in Mitleidenschaft zieht. Dabei reagieren Meer-schweinchen auf die systemische Applikation von Penicillinen, Streptomycin, Amoxicillin, Methicillin, Erythromycin, Lincomycin, Bacitracin, Spiramycin, Tylosin und Tetracyclinen mit einer einseitigen Wirkung auf die überwiegend grampositive Darmflora besonders empfind-lich. Indem die physiologische darmeigene Keimflora des Dickdarms, insbesondere des Caecums, durch diese Antibiotika in ihrer Entwicklung gehemmt wird oder zum Erliegen kommt, können sich gramnegative Bakterien wie koliforme Keime und Clostridien im gesam-ten Darmkanal massenhaft vermehren (Dysbakterie). Die Folgen sind: unvollständige Aufschließung der Nahrung, Verschiebung des Säure-Basen-Gleichgewichts, Alkalisierung des Dickdarminhaltes durch veränderte Sekretionstätigkeit der Darmdrüsen von pH 5,5 - 6,8 im Caecum bzw. 5,0 - 6,8 im Colon auf Werte von pH 7,5 und höher, wodurch wiederum günstige Bedingungen für die weitere Vermehrung der Kolikeime gegeben ist. Diese besiedeln aszendierend den Dünndarm und gelangen auf dem Blutweg in verschiedene Organe. Die Resorption der von ihnen gebildeten Endotoxine führt zur Koliseptikämie. Das Krankheits-geschehen kann einen perakuten bis akuten Verlauf nehmen mit Enteritis, Koliseptikämie und plötzlichen Todesfällen oder auch einen subakuten Verlauf mit Dysenterie und wenig gestörtem Allgemeinbefinden.
Therapie:

1. Sab simplex (1 ml/h oral eingeben gegen die feinschaumige Gärung in
Caecum und Colon)

2. Vitamin-B-Komplex, Vitamin C, Elektrolyt- und Glucoselösung

3. Metoclopramid als Spasmolytikum (besser als N-Butyl-Scopolamin, welches die Peristaltik vollständig hemmt!)

4. Homöopathisch unterstützend: Nux vomica comp. PLV® (Fa. PlantaVet) 0,5 - 1 ml s.c. und alle 4 h oral durch den Tierbesitzer

5. Breitspektrumantibiotikum, das auf die grampositive und die gramnegative Flora wirkt wie z.B. Gentamicin (2 mg/kg KM s.c. nach 12 h wiederholen, dann alle 24 h), Polymyxin B, (Neomycin (z.B. Floracid-Tabl. 2 mal täglich ¼ Tabl. p.o.)

6. Im Anschluß an die Antibiotikaverabreichung Aufbau der Darmflora durch Fermatolact® (1 g Pulver ins Trinkwasser oder mittels Spritze eingeben) oder Perenterol® (ein Drittel Kapsel pro Tag oral).

7. ausschließlich Heu und Wasser über eine Woche

• Fortpflanzungsstörungen

- Endometritis:

Ursache: Yersinia pseudotuberculosis, Pasteurella multocida
Therapie: Antibiose (Chloramphenicol 20 - 40 mg/kg KM s.c.), Ovariohysterektomie

- Torsio uteri:

Ursache: voll entwickelte Früchte führen durch Bewegung zur Drehung um die Längsachse eines Uterus
Therapie: Sectio caesarea, Infusionen mit Glucoselösung, Kreislaufstabilisierung!

- Trächtigkeitstoxikose

Ursache: adipöse Tiere weisen Fettleber auf mit Beeinträchtigung der Leberfunktion
Diagnostik: klin. Bild und Urinprobe mit Sticks (Ketonurie, Proteinurie, Azidose: Harn-ph-Wert sinkt von normal 9 auf 5 - 6!) )
Therapie: ggf. Kaiserschnitt; Glucose, Calciumgluconicum oder Calciumcarbonat, Gluco-corticoide, Elektrolytlösungen s.c.
Prognose: schlecht

- Ovarialzysten:

Umfangsvermehrungen in Flankenregion in Kombination mit symmetrischem Haarausfall (s.o.)

• Infektionskrankheiten

- Meerschweinchenlähme

Die Meerschweinchenlähme ist eine durch ein nicht klassifiziertes neurotropes Virus be-dingte Gehirn- und Rückenmarksentzündung, die hauptsächlich in Beständen eine große Problematik darstellt und weniger in der Heimtierhaltung. Die Inkubationszeit wird mit 9 bis 23 Tagen angegeben. Die Symptomatik besteht in Futterverweigerung, struppiges Haarkleid, Atembeschwerden, Kotanschoppung in der Perinealtasche, Zittern, Abmagerung, krampf-artige Zuckungen der Rücken, Hals- und Schultermuskulatur, Schwäche der Hinterextremi-täten bis hin zur schlaffen Lähmung. Tod nach 2 - 10 Tagen, u.U. erst nach 3 bis 4 Wochen. Therapie: Euthanasie. In Versuchsbeständen Merzung des gesamten Bestandes.

- Lymphozytäre Choriomeningitis - CAVE: ZOONOSE

Die Infektion wird durch ein Arenavirus verursacht, dessen Hauptreservoir mit regional unterschiedlicher Befallsstärke wildlebende Mäuse sind (CAVE: freilandgehaltene Meer-schweinchen!!!) Der Erreger wird von den Mäusen über Harn, Kot und Speichel ausge-schieden. Infektionsempfänglich sind außer Meerschweinchen und Hamster, die in der Regel latente Infektionen durchmachen, vor allem der Mensch, der mit grippeähnlichen Sympto-men reagieren kann bis hin zu schweren zentralnervösen Störungen bedingt durch Meningitis und Enzephalitis. Für den Menschen sind junge, frisch infizierte Meerschwein-chen gefährlicher als adulte Tiere, die inzwischen selbst die Infektion bekämpft haben und immun geworden sind.
Die Symptome beim Meerschweinchen können sein: Konjunktivitis, Erkrankungen des Atemtraktes, Exsikkose, Entwicklungsstörungen bei Jungtieren.
Die LCM kann mittels KBR nachgewiesen werden. Positive Tiere sind wegen der Zoono-segefahr zu euthanasieren.

- Leukose

Die Leukose der Meerschweinchen wird durch Onkornaviren verursacht. Häufigster In-fektionsweg soll der diaplazentare und lactogene Weg sein.
Symptomatisch fallen die Tiere durch generalisiert vergrößerte Lymphknoten auf, die be-sonders im ventralen Halsbereich, in den Achseln und Kniefalten bis auf pflaumengröße und mehr anwachsen können. Manche Meerschweinchen bleiben in diesem Zustand über Monate bis Jahre. Erst eine Generalisierung der Lymphknotenschwellungen besonders bei den Darmlymphknoten führt zur Beeinträchtigung der Verdauung, der Futteraufnahme und des Kotabsatzes. Häufig sind auch die inneren Organe wie Leber, Milz und Nieren leukotisch verändert, so dassnur die Euthanasie als Ausweg bleibt.

- Viruspneumonie

Der Erreger ist ein Adenovirus und besonders in großen Beständen sehr gefürchtet. Er wird durch Kontakt von Tier zu Tier übertragen, wobei resistenzmindernde Faktoren eine wichtige Rolle spielen sollen. Die Inkubationszeit beträgt 5 bis 10 Tage, der Tod tritt ein innerhalb von 6 bis 15 Tagen ein nach Pneumonie, Nasenausfluß und Inappetenz. Die In-fektion ist von geringer Infektiosität, jedoch hoher Letalität gekennzeichnet.

- Speicheldrüsenvirus-Infektion - CAVE: ZOONOSE

Der Erreger ist ein Zytomegalievirus aus der Familie der Herpesviren mit hoher Artspezifität, der jedoch auch für den Menschen pathogen sein kann! Nach oraler Infektion kommt es zur Entzündung der Speicheldrüsen und der Speicheldrüsengänge sowie der Tränendrüsen, wodurch es zu starkem Speicheln, vermehrter Tränensekretion, mumpsähnlicher und respiratorischer Symptomatik kommt. In schweren Fällen tritt eine vom hinteren Ende der Wirbelsäule kopfwärts fortschreitende Lähmung hinzu. Symptomatische Therapie, in gro-ßen Beständen Merzung oder auch Durchseuchung, da genesene Tiere gegen die Krankheit immun sein sollen. Nachweis histologisch durch Einschlußkörperchen.

- bakterielle Infektionskrankheiten

Im folgenden werden die bei Meerschweinchen relevanten bakteriellen Infektionserreger sowie die durch sie verursachten charakteristischen Symptome tabellarisch aufgeführt:
Erreger-Symptomatik

Staphylokokken sekundär nach Hautverletzungen, Dermatitis, Cheilitis, Abszesse, eitrig-abszedierende Lymphadenitis submandibularis et cervicalis, Zahnfach- und Kieferentzündungen, Konjunktivitis, Mastitis, Pyometra, Infektion der harnableitenden Wege, Pododermatitis, Otitis media,

Streptokokken akute bis perakute Pneumonie mit septikämischer Verlaufsform, chronische Verlaufsform mit lokaler Abszessbildung.

Diplokokken Rhinitis mit Nasenausfluß, Niesen, Husten, Konjunktivitis, Atembeschwerden und Gewichtsverlust, verklebtes Fell auf den Innenseiten der Vorderbeine durch häufiges Nasereiben, Bronchopneumonie, Magen-Darmkatarrh, in schweren Fällen fibrinös-eitrige Peritonitis, Nephritis, Leber- und Lungenabszesse, Pyometra und Vaginitis, Otitis media mit Gleichgewichtsstörungen; Meningitis.

Bordetellen hochkontagiöse Rhinitis und Konjunktivitis mit ausbreitender Tendenz zu Bronchopneumonie mit hohen Verlustraten bis zu 100 % in Beständen.

Klebsiellen bei abwehrgeschwächten Meerschweinchen schwere Pneumonie und Pleuritis, Rhinitis, Otitis media, nach Haut- und Wundin-fektionen Haut- und Lymphknotenabszesse bei perakut oder akut septikämischem oder chronischem Verlauf, u.U. plötzliche Todesfälle ohne zuvor ausgeprägte Symptomatik.

Pasteurellen hämorrhagische Septikämie, meist bei widerstandsgeschwächten Tieren, schwere Pneumonie, Krämpfe, Diarrhoe, Letalität bis 100 %.

Yersinien Yersinia pseudotuberculosis befällt außer Meerschweinchen vor allem Kaninchen und Hasen, weshalb die Krankheit als Nagertuberkulose (Rodentiose) bezeichnet wird: Abmagerung, Durchfall, Husten bis Atemnot, Schwäche, Lähmungen und plötzliche Todesfälle; bei chronischen Verlaufsformen chronische Lymphadenitis mit Abszedierung entzündeter Halslymphknoten.

Kolibakterien sind als Indikator einer Dysbakteriose zu werten, häufig iatrogen nach Antibiotikagaben (Penizilline); akuter Verlauf mit struppigem Fell, Apathie, Inappetenz, Diarrhoe, schnelle Abmagerung, Tod

Salmonellen S. typhimurium und S. enteritidis können in Versuchstierhaltungen und Zuchtbeständen Gastroenteritiden verursachen, in der Heimtierhaltung eher selten.

In jedem Falle ist ein Erregernachweis mit Antibiogramm als erstes Mittel der Wahl anzuse-hen. Als erste Maßnahme ist ein Breitbandantibiotikum angezeigt wie z.B. Chloramphenicol, Gentamycin, Enrofloxacin, Sulfonamid-Trimethoprim.

Literatur

COOPER, Gale, und Alan L. Schiller (1975)
Anatomy of the Guinea Pig
Harvard University Press

Ewringmann, Anja, und Barbara Glöckner (2005)
Leitsymptome bei Meerschweinchen , Chinchilla und Degu
Diagnostischer Leitfaden und Therapie
Enke Verlag, Stuttgart

GABRISCH, K., und P. ZWART (1998)
Krankheiten der Heimtiere
Verlag Schlütersche, 4. Aufl.

HAMEL, Ilse (2002)
Das Meerschweinchen als Patient
Gustav Fischer Verlag

WOERLE, Rolf, und Gerhard WOLF (1977)
Cavia aperea porcellus - Das Hausmeerschweinchen. Eine Präparationsanleitung
Gustav Fischer Verlag